Geschrieben von Jacqueline Kroll am 27.06.24 um 17:31 Uhr • Kommentare (0) • Artikel lesen
Jacqueline und Andreas Kroll betreiben hauptberuflich eine Schäferei in Goslar. Doch sie leben nicht etwa vom Verkauf der Wolle, sondern nutzen ihre Tiere zur Landschaftspflege. Jetzt haben sie einen Nabu-Förderpreis für Bio-Betriebe erhalten.
Schäfer Andreas Kroll schaut bei seiner Schafherde im Appelhorn zwischen Ostlutter und Bredelem nach dem Rechten. Foto: Roß
Goslar. Auf der Schafweide im Naturschutzgebiet Appelhorn zwischen Ostlutter und Bredelem bewegt sich heute nicht viel. In der Sonne sind es fast 40 Grad. Der Goslarer Schäfer Andreas Kroll schreitet gemächlich durch das hohe Gras in Richtung Bauminsel. Dort liegt der Großteil seiner Herde, die mittlerweile 280 Tiere umfasst, und döst im Schatten. Ab und zu ist ein entferntes Blöken zu hören, wenn eines der Schafe die Orientierung verloren hat und auf eine Antwort hofft.
Bei Temperaturen um die 40 Grad in der Sonne hat sich die Herde in den Schatten verkrochen. Foto: Roß
Vor einem Jahr hat Andreas Kroll alles auf Schaf und Ziege gesetzt. Er betreibt zusammen mit Frau Jacqueline hauptberuflich eine Bio-Schäferei. Als einer von 17 Bio-Betrieben in ganz Deutschland wurden sie vor Kurzem auf dem Alnatura-Campus in Darmstadt mit dem Nabu-Förderpreis „Gemeinsam Boden gut machen“ ausgezeichnet. Der Preis soll Bio-Betrieben dabei helfen, die zweijährige Umstellungsphase zu überbrücken, in der sie bereits nach Bio-Kriterien wirtschaften, aber noch keine entsprechenden Preise erzielen.
Krolls Schafe stehen – „wenn möglich“ – das ganze Jahr auf der Weide. Seit zwei Jahren hat er einen Stall in Dörnten, wo etwa im Februar und März die Lämmer zur Welt kommen. In diesem Jahr waren es stolze 80.
Andreas Kroll hat insgesamt 280 Schafe und Ziegen in seiner Herde. Foto: Roß
Bei seinem Bio-Betrieb müsse er neben den hohen Standards bei der Tierhaltung auch darauf achten, dass er, wenn er Futter dazukauft, dies nicht von konventionellen Landwirten bezieht. Vor einer Schlachtung müssten seine Tiere doppelt so lange ohne Medikamente auskommen, wie konventionell gehaltene Vierbeiner, um das Bio-Siegel auf das Fleisch zu erhalten.
Im Schatten schmecken die Blätter noch besser. Foto: Roß
Doch der Goslarer Schäfer lebt weder vom Fell seiner Schafe noch vom Fleisch oder Milch-Verkauf. Er betreibt Landschaftspflege mit seinen Tieren. Im Appelhorn sind es allein rund 50 Hektar Pachtfläche. Insgesamt beweidet die Schäferei Kroll nach eigenen Angaben 110 Hektar in neun Ortschaften – den größten Teil als Pächter, einige Bereiche aber auch als Dienstleister im Auftrag des Landkreises.
Im Kreis Goslar gebe es vielleicht noch eine Hand voll Schäfer, schätzt Kroll. Seine Herde mit 280 Tieren sei eine der größten.
Jacqueline und Andreas Kroll sehen sich als Botschafter der Weidehaltung von Schafen, die trotz ihrer durchweg positiven Eigenschaften für Flora und Fauna in der Landwirtschaftspolitik so gut wie keine Rolle spiele. Schafe würden vor allem die hohen Gräser abfressen, die kleineren Gewächsen Licht und Luft rauben. Das sei gut für die Artenvielfalt bei den Pflanzen, was wiederum verschiedene Insekten anlockt. Was dann auch die Vögel zu schätzen wissen. Hinzu komme noch, dass das, was die Schafe fressen, später wieder als Bodendünger aus ihnen heraus kommt. Die Krolls wollen ihre Vision teilen und die Vorzüge der Weidehaltung bekannter machen. Sie bieten Aktionstage an, Betriebsbesuche für Schulen oder stellen wie vor Kurzem auf dem „Markt der Nachhaltigkeit“ ihren Dünger aus Schafswolle vor.
Der Tag als Schäfer kann lang werden. „12 bis 14 Stunden sind das schon manchmal“, erklärt Andreas Kroll. Gerade wenn die neuen Lämmer im Anmarsch sind, kann es schon mal stressig werden. Vor seinem Schäfersein hat Kroll im Finanzamt gearbeitet. Den Wechsel habe er nie bereut. Doch auch sein neuer Job habe einen hohen Bürokratie-Anteil. „Wir müssen uns an die Vorgaben der Naturschutzbehörde halten“, gibt der Schäfer ein Beispiel. Manche Pachtbereiche dürfen etwa wegen des Altgras-Bestandes nicht so lange beweidet werden wie andere. Dazu kommen Förderanträge oder Bewerbungen für Preise wie „Gemeinsam Boden gut machen“.
„Das war schon ziemlich anspruchsvoll“, erinnert sich der Schäfer. Die Jury wollte nicht einfach nur Präsentationen beliebiger Bio-Betriebe sehen. „Da musste schon das gewisse Extra dabei sein.“ Bei der Schäferei Kroll seien das etwa die wertvollen Orchideen-Wiesen gewesen, die sie im Appelhorn pflegen. Oder auch ihre besonderen Schafrassen wie die „Easy Care“, die ihre Wolle selbstständig abwerfen und zeitweise aussehen wie zerrupfte Sofakissen.
Die Easy-Care-Schafe werfen ihre Wolle selbstständig ab. Foto: Roß
Das Preisgeld in fünfstelliger Höhe wollen die Krolls in ihren Betrieb investieren. Ideen gebe es viele, etwa frostfreie Tränken für den Winter oder einen größeren Viehanhänger. Derzeit können sie nur zehn Schafe auf einen Rutsch transportieren.
Italienische Hirtenhunde bewachen die Weide der Schäferei Kroll. Foto: Roß
Als Herden-Aufpasser dienen während der gesamten Weidezeit drei italienische Hirtenhunde. Überhaupt hat die ganze Sache mit den Schafen für Jacqueline und Andreas Kroll mit einem Hund begonnen – und Laufenten. Denn die hatten sie sich vor mehr als 20 Jahren zugelegt, um ihrem damaligen Hund ein Hüte-Erlebnis möglich zu machen. 2003 kamen dann vier Schafe hinzu, daraus wurde erst ein Hobby und dann ein Beruf. Das Schönste, verrät Andreas Kroll, als er seine Runde beendet hat, sei das Naturerlebnis, wenn er die Weiden abschreitet. „Wir haben hier so tolle Gegenden, und man ist immer mittendrin.“
Quelle: Goslarsche Zeitung vom 27.06.2024
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